«Die Trojaner» Deutsche Oper Berlin

2010-12-06

Deutsche Oper
Berlioz in Berlin - ein gigantisches Werk
Berliner Morgenpost
Montag, 6. Dezember 2010 20:42 - Von Klaus Geitel
Ein Brocken: Fünf Stunden dauert in Berlin die Inszenierung der Berlioz-Oper "Die Trojaner". Am Ende: Stürmischer Beifall.

Es bleibt im Grunde unerklärlich, warum die Oper der Welt sich ein volles Jahrhundert lang um das Meisterwerk der „Trojaner“ herumgedrückt hat. Es gibt in jeder Beziehung nichts Herausforderndes, von Wagners „Ring des Nibelungen“ einmal abgesehen, den inzwischen die Welt überall mit Selbstverständlichkeit schmiedet. An Berlioz aber, dem genialischen Einzelgänger, hat man offenkundig stur vorbei geschaut.
Man hat ihn mit der Lust der Undankbarkeit übergangen, in die Ecke gestellt, gemieden wie die musikdramatische Pest. Wirklich und wahrhaftig hat man sein riesiges Spätwerk in voller Ausführlichkeit erst 1969 zu seinem hundertsten Todestag ungekürzt an einem Abend zur Aufführung gebracht. In Frankreich, seinem Heimatland? Ach was, ausgerechnet in Glasgow!


Nun hat die Deutsche Oper das wahrhaft gigantische, über fünfstündige Werk auf die Bühne gestellt, wie man es wohl zuvor nie mit gleicher musikalischer wie szenischer Intensität zu sehen und zu hören bekam. Dank dafür gilt zwei Berlioz-Fans höchsten Kalibers, die sich überdies vortrefflich in die Hände zu arbeiten verstanden: Donald Runnicles im Orchestergraben, Davis Pountney auf der Bühne. Jeder von ihnen grandios unterstützt: Runnicles von seinem machtvoll und gleichzeitig geschmeidig aufspielenden Orchester und dem von William Spaulding einstudierten Riesenchor.

Pountney wiederum hatte auf seiner Seite die Tänzerinnen und Tänzer des Opernballetts in der Choreographie von Renato Zanella. Außerdem den genialischen Bühnenbildner Johan Engels und die Kostümbildnerin Marie-Jeanne Lecca. Selten sang sich eine Dame herrlicher gekleidet dem Tod aus eigener Hand entgegen als Dido, die Königin von Karthago, in der bezaubernd schlanken Gestalt von Béatrice Uria-Monzon. Die Aufführung spart, ganz nach dem Willen von Berlioz, mit Überraschungen nicht.

Berlioz war musikalisch immer ein großer Erzähler, der mit Vorliebe vom Hundertsten ins Tausendste kam, zeitweise glücklich der musikalischen Überlieferung in all ihrer Größe verhaftet, bald herumschweifend von Abenteuer zu Abenteuer, im Fall der „Trojaner“ unerschütterlich fest auf den Spuren von Vergil und dessen altrömischer „Aeneis“, die Berlioz hingebungsvoll geradezu nachbetet.

Er hat sich überdies das Libretto zu seinem Riesenwerk selber geschrieben. Es zieht auf weitgehend nackter Bühne spannend vorbei, finster und abgründig, geradezu mordlustig in den beiden Eingangs-Akten, die vom blutigen Fall Trojas und der mörderischen Hinterlist mit dem eingeschleppten Riesenpferd erzählen, in dem sich die trojafeindliche Armee der Griechen verbirgt. Hell und duftig erschließt sich anschließend dagegen das Reich Didos mit Gesang, Tanz und Spiel in einer intakten Gesellschaft.

Herrin des Abgrunds ist unangefochten die großartige Petra Lang als Kassandra: eine Sängerin, der selbst der mörderischste Todernst mit all erdenklicher Stimmlebendigkeit aus der Kehle schießt. Sie sieht selbst mit geschlossenen Augen das Unheil unaufhaltsam heranschleichen, muss aber erfahren, dass nicht einmal der geliebte Chorèbe (von Markus Brück mit anrührender Intensität gesungen) ihren mörderischen Hinweisen sein offenkundig verstopftes Ohr leiht.

Die Bühne wird von gewaltigen Andeutungen belebt, die sich geradezu einen willentlichen Rätselcharakter bewahren. Das gefürchtete Trojanische Pferd hängt, selbst bereits zerstückelt, noch immer bedrohlich von der Bühnendecke. Kassandra igelt sich geradezu vor dem Ansturm der Griechen inmitten ihrer gleichfalls sterbenswilligen Landsmänninnen ein und reißt sie mit sich in den Tod. Die beiden ersten Akte bilden ein Drama für sich und wurden deswegen wohl gerne beiseite geschoben. Ihre hochdramatische Düsternis lief offenkundig den Erwartungen des damaligen Publikums und seiner Erheiterungslaune allzu heftig entgegen.

Prompt wendet sich mit dem 3. Akt deutlich das Blatt. Von hier an können die „Trojaner“ genossen werden. Es wird nicht an musikalischer Eleganz, an feinsten Tenormelodien gespart, auch wenn Gregory Warren ihre bezwingende Schönheit gewissermaßen nur hervorwispert, statt sie aus voller Brust aufs ungezwungenste und eindrucksvollste herauszusingen. Auch Ian Storeys kolossaler Heldentenor überzeugt als Aeneas nicht recht. Auch ihm hat Berlioz in der Liebesszene mit Dido einen Lyrismus verordnet, an dem Stimmhelden nur zu leicht scheitern.

Aber auch Béatrice Uria-Monzon findet anfangs keinen rechten Zugang zu ihrer Partie. Sie lässt selbst ihre gutwilligsten Hörer auf die musikalischen Köstlichkeiten lange anwarten, die sie mit ihrem schwerelos schwebenden Auftritt verspricht. Erst am Ende, in dem wahrscheinlich ausdauernsten Klagemonolog der musikalischen Weltliteratur, im Grunde einzig dem Schlussgesang Brünnhildens in der „Götterdämmerung“ vergleichbar, gewinnt sich ihr Vortrag die erforderliche zarte Intensität.

Die besaßen zuvor schon die von Renato Zanella sparsam und delikat gesteuerten karthagischen Tänze mit ihrer Choreographie für Feinschmecker. Rundum überdies kurze, markante Stimmbeiträge von Reinhard Hagen, Heidi Stober, Lenus Carlson. Weniger glücklich der selbstbewusste Beitrag von Leane Keegan, gewichtige Schwester der gertenschlanken Dido.

Am Ende eine große Beifallsfeier, vor allem natürlich für Runnicles, sein Orchester und seinen Chor. David Pountney hörte sich, amüsiert, mit seinen ausgezeichneten Mitarbeitern ein wenig gebuht. So ging es einst auch schon Patrice Chéreau in Bayreuth beim „Jahrhundert-Ring“. Kann schon sein, dass Pountney, in Gemeinschaft mit Runnicles, Berlins Deutscher Oper die „Jahrhundert-Trojaner“ bescherte




< Zurück

English
Italiano
';