"Malakhov & Friends"

2010-11-11

Tänzerische Ästhetik auf der Bühne der Deutschen Oper: Vladimir Malakhov und Nadja Staatsballett
Das große ABC der Tanzklassik gründlich serviert
Donnerstag, 11. November 2010 18:08 - Von Klaus Geitel

Für die Gala "Malakhov & Friends" in der Deutschen Oper wurden 17 Choreografien zusammengestellt, mit Traditionellem und Experimentellem. Das Trumpf-Ass aber schmettert Polina Semionova im Solo hin.
Saidakova im Duett "Verlassenheit" aus "Le Parc" von Wolfgang Amadeus Mozart
Drei Stunden Liebesklagen. Drei Stunden Herrlichkeiten der Liebe. Sie ist das Elixier der Ballett-Gala, das in der Deutschen Oper „Malakhov & Friends“ unauflöslich verbindet. Und diese Freunde kommen von überall her, von den feinsten Ballettadressen: aus New York, Moskau, St. Petersburg, Tokio. Internationaler geht's nimmer. Aber auch ausdauernder nicht und kaum uniformer. Siebzehn Stücke stehen auf dem Programm. Das sind ein paar zuviel. Sehr schnell lernt man, dass die Männer die Frauen auf Händen zu tragen haben, zumindest in der tänzerischen Zweisamkeit der schier endlos hingebreiteten Pas de deux.

Auch ist des Pirouettendrehens kein Ende, auch nicht der großen raumgreifenden Sprünge. Man bekommt das große ABC der Tanzklassik gründlich serviert. Doch was hat das in siebzehnfacher Wiederholung überhaupt noch zu sagen, zumal wenn die Choreographie schweigt? Es geht zeitweilig zu wie beim Stabhochsprung ohne Stab. Die Mädchen wirbeln um die eigene Achse, die Männer genießen kraftvoll ihren etwas größeren Auslauf. Sie sind die Herren der Lüfte.

Natürlich haben zunächst einmal die Choreographen das Wort, von ihrer Imagination hängt es ab, wie stark die Tänzerinnen und Tänzer zu zünden verstehen. Das Ziel ist jedoch meist rein tanztechnischer Art. Das beginnt bei dreistündiger Dauer, bei aller Hingabe und Bravour, ein bisschen zu langweilen. Dagegen kommen nur choreografische Einfälle an. Die aber machen sich rar an diesem Abend. Nicht am Schwanensee tanzt man dahin, sondern eher am Tränensee. Man beginnt sich allmählich sogar darüber zu verwundern, dass die Menschheit noch immer nicht ausgestorben ist bei soviel immerfort platzenden Beziehungen.

Am besten wohl, man lässt sich auf keine ein, wie die bezaubernde Polina Semionova in der ihr von Renato Zanella auf den Leib choreographierten Johann-Strauß-Hommage „Alles Walzer“. Spitzbübisch fast und kunstreich verschwiegen würde sie dabei statt des Fingers wohl sogar den Fuß an die Lippen legen, um den wiederholt vorzeitig aufflammenden Beifall zu ersticken. Am Ende sieht und hört sich die göttlich heitere Polina unendlich gefeiert.

Ein einziges weiteres Solo steht am Schluss des Programms: Malakhov tanzt den „Sterbenden Schwan“. Allerdings nicht den unsterblichen der Anna Pawlowa. Schwäne gibt es schließlich genug. Diesen hier hat Mauro de Candia für Malakhov aufgezogen, ein durchaus ernstes Stück, vom Chef des Staatsballetts mit feinstem Körperanstand vorgetragen.

Man sieht Malakhov überhaupt gern und respektvoll zu, wie kontrolliert und sorgsam er noch immer seine tänzerischen Aufgaben meistert. Dabei haben andere sein rein körperliches Können längst in den Schatten gestellt. Den „Ball der Geister“ (auf eine Choreographie von Dimitri Brianzev) tanzen Natalia Ledovskaya und Semen Chudin zum Larghetto aus Chopins 2. Klavierkonzert: ein Werk der Stille und Weltverlorenheit. Es wirkt an diesem Abend wie ein Juwel. Aber auch Beatrice Knop und Dmitry Semionov zeigen in Bubeniceks „Intimate Distance“ die Finessen einer tänzerischen Zweisamkeit.

Dreimal wird im Laufe des Abends an den großen Marius Petipa erinnert, der an diesem Abend seine jungen Kollegen namens MacMillan, Béjart, Scholz und Schilling geradezu wie aus dem Handgelenk weit überflügelt. Malakhov verzichtet auf den inzwischen notorisch gewordenen Tiefsinn, die Seelenfluten, die tanzend durchwatet werden müssen. In seinem „Satanella“-Pas de deux aus „Carnival in Venise“ lässt er den Star seines alten Hauses in St. Petersburg, die grandiose Yevgenia Obraztsova und ihren beinahe noch grandioseren, todernsten Partner Dinu Tamazlacaru (vom Staatsballett) umeinander schwelgen, dass es dem hingerissenen Betrachter auf gut Berlinisch geradezu die Spucke verschlägt.




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