Renato Zanella, der Ballettdirektor der Wiener Staatsoper

2001.01.06

Aus der Wiener Zeitung;Artikel aus dem EXTRA Lexikon Freitag, 01. Juni 2001



Renato Zanella, der Ballettdirektor der Wiener Staatsoper
Von Helga Häupl-Seitz


In Verona 1961 geboren, wächst Renato Zanella während seiner ersten Lebensjahre sowohl mit der musikalischen Großfamilie (der Großvater war Geigenbauer) seiner deutschsprachigen Mutter in Bozen als auch mit der italienischsprachigen Unternehmerfamilie seines Vaters in Verona auf. Erst zu Schulbeginn wird er wirklich in Verona ansässig. "Meine Liebe zu Wien begründet sich auf diese Bozener Jahre", ist er überzeugt. "die Südtiroler Atmosphäre und die Kultur lassen sich mit der österreichischen vergleichen. Als ich 1993 nach Wien kam, war mir die Stadt deshalb nicht fremd".

Doch zunächst absolvierte der Sohn eines Lederfabrikanten wie vom Vater vorgesehen ein wirtschaftlich ausgerichtetes Gymnasium. Schon früh entdeckte er seine sportliche Ader: Nach einem kurzen Intermezzo in der Leichtathletik folgten Judo und Volleyball, ab 12 galt seine Leidenschaft ganz dem Basketball, dem er jede freie Minute bis zum letzten Schuljahr widmete. Dem Wunsch des Vaters gemäß sollte danach eine weitere Ausbildung im Bereich Public Relations, Marketing und Sprachen auf der Universität erfolgen. Doch es kam anders.

Seine vier Jahre jüngere Schwester Cristina nahm bereits seit vielen Jahren Ballettunterricht. "Ich habe das zunächst als reine Mädchensache abgetan und sogar gehasst, wenn sie, die sehr talentiert war, vor dem Spiegel zu Hause Posen probierte. Ich hatte damals eben noch ziemliche Machoallüren", schmunzelt er. Sein persönliches Interesse wuchs in dem Moment, als er sich mit 17 in die Freundin einer Schwester verliebte, die ebenfalls die Ballettschule besuchte. Er begann sich die eine oder andere Vorstellung dieser Schule anzusehen. Aus diesem Grund willigte er auch ein, als ihn die Mädchen fragten, ob er nicht auch einmal als Statist behilflich sein wolle: "Es war im Lichtspieltheater von Verona - und es war eine Aufführung von 'Giselle', in der neben den Schülern und Schülerinnen auch zwei ausgebildete Tänzer auftraten.

Mein Part bestand darin, für die Hofgesellschaft ein Wildschwein auf die Bühne zu tragen. Es war nicht nur mein erster Kontakt mit einer Bühne, sondern auch mein erster mit ausgebildeten Tänzern. Ich war vollkommen fasziniert von den Bewegungen, den Drehungen und Sprüngen. Ich hab mir gedacht: Das ist die eleganteste Sportart, die ich je gesehen habe", erinnert sich Renato Zanella an jenen magischen Moment, der für immer sein Leben verändern sollte.

Er begann neben seinem intensiven Basketball-Training einmal pro Woche Unterricht in der Ballettschule seiner Schwester zu nehmen. Sehr zum Missfallen seiner Sportkollegen, die ihn darob misstrauisch beäugten. Nach einem Jahr parallelen Trainings zog er einen Schlussstrich unter seine bisherige Leidenschaft, um sich künftig ausschließlich seiner neuen Liebe, dem Tanz, zu widmen. Eine Liebe, die der Vater nicht goutierte. "Er wollte unbedingt, dass ich meine Ausbildung fortsetze und anschließend die Firma übernehme."

Renato Zanella blieb hartnäckig. Wohl wissend, dass er in einem Alter mit dem Tanzen anfing, in dem alle anderen bereits zehn und mehr Jahre Unterricht hinter sich hatten, nutzte er jede verfügbare Stunde fürs Training und für Workshops. Und er hatte in der Leiterin der Ballettschule, der polnischen Tänzerin Krystyna Kolodziejczjk, eine Lehrerin gefunden, die ihn nicht nur im klassischen Tanz unterrichtete, sondern ihn auch die charakteristische Haltung des Tänzers lehrte. "Sie hat mir die neuen Bewegungen und Sprünge beigebracht - so gut, dass ich nie ernstlich verletzt war." Zusätzlich verlangte sie allen "eiserne Disziplin" ab. "Disziplin und Ausdauer hatten auch bisher mein Leben in der Basketball-Nationalmannschaft bestimmt. Überdies war ich durchtrainiert und das Kämpfen gewohnt. Denn wie beim Sport ist auch beim Tanz das Wichtigste nicht das Talent, sondern die Leistung, die man tagtäglich erbringen muss, egal, wie man sich fühlt."

Harte Jahre in Cannes

Im selben Jahr, 1980, stirbt, erst 44 Jahre alt, seine Mutter. Von da an hält es ihn nicht mehr in Verona. Mitten im letzten Schuljahr fährt er heimlich nach Cannes, um dort in einer renommierten Ballettschule vorzutanzen. Tatsächlich erhält er ein Stipendium. Dem Vater zuliebe kehrt er dennoch kurz nach Verona zurück, um zu maturieren. Es ist sein letzter längerer Aufenthalt in der Heimatstadt - bis zum heutigen Tage.

Die nächsten zwei Jahre in Cannes beschreibt Renato Zanella heute noch als seine härtesten, die er nur dank seiner sportlichen Topkondition bewältigen konnte. Denn das "Stipendium" am renommierten Centre de Danse International Rosella Hightower bestand nicht in Geld, sondern darin, sich den Unterricht tagtäglich durch Küchendienste, Tellerwaschen, Putz- und Reinigungsarbeiten im Institut "verdienen" zu dürfen. Zu stolz, um seinen Vater um Geld zu bitten, half er überdies in Pizzerien aus, verdingte sich als Statist in Opernaufführungen und als Unterhaltungstänzer in Discos. Dafür gab es die Chance, mit bekannten Tänzern aller Stilrichtungen zu studieren.

"Ich hatte unter meiner Kleidung immer mein schwarzes Balletttrikot an. Kaum war ich mit der Küchenarbeit fertig, schon hab' ich die Hose und die Holzschuhe weggeworfen und bin in den Ballettsaal gerannt, weil ich einfach nichts versäumen wollte." Im Gedächtnis geblieben ist ihm vor allem die Arbeit mit José Ferran, der ihn neben dem klassischen Tanz auch im Pas de deux und im spanischen Tanz unterrichtete. Es waren wertvolle Erfahrungen, die er ins erste Engagement mitnehmen konnte, als ihn Heinz Spoerli, Chefchoreograph und Ballettdirektor des Baseler Stadttheaters, engagierte. "Ich habe gern mit ihm und seiner Compagnie gearbeitet, weil er lieber Nachwuchstänzer mit wenig Erfahrung engagierte als bereits etablierte Tänzer. Für mich war es ein absoluter Glücksfall, weil ich viel lernen konnte und auch bald größere Rollen erhielt."

Erste kleine Tourneen führten ihn durch Europa - und in die alte Heimat: In Triest tritt er erstmals als Profi auf. Nach drei Jahren erfüllte er sich seinen alten Wunsch, nach Stuttgart zu gehen, um dort mit Ballett-Legende Hans von Manen zusammen zu treffen. Es folgten neun fruchtbare Jahre im Stuttgarter Ballett unter der Leitung von Marcia Haydee, denn neben dem Meister des Minimalismus Hans van Manen gastierten auch noch zahlreiche andere Choreographen wie John Neumeier, Maurice Bejart und Mats Ek. "Es war nicht nur interessant für mich, die verschiedensten Interpretationsmöglichkeiten und Arbeitsstile zu erkennen, sondern auch den Choreographen in mir zu entdecken".

1989 war es soweit: Seine erste eigene Choreographie, das siebenminütige Stück für zwei Tänzer, "Die andere Seite", erlebte in kleinem Rahmen seine Uraufführung. "Zum ersten Mal im meinem Leben hatte ich etwas Eigenes geschaffen. Ein Tänzer tanzt, der Choreograph gestaltet ein Ganzes. Er kann seine ganze Kreativität hinein legen. Es ist, als hätte man ein Kind geboren.

Wenn die Premiere vorbei ist, gehört die Arbeit der Welt und ist weg. Seit damals wusste und fühlte ich: Das ist es, was ich machen will." 1993 feierte er erste Triumphe mit "Triptychon", "Black Angels" und "Apollon". Sein Stil ist unverwechselbar: "Ich bin ein athletischer Choreograph mit viel Emotionalität. Ich brauche die Freiheit, die verschiedensten Tanzströmungen miteinander zu verweben und den spontanen Gefühlen beim Erarbeiten Platz zu lassen".

Mit der Übernahme des Solos "Voyage", das er ein Jahr zuvor für Vladimir Malakhov kreiert und mit ihm einstudiert hatte, kam es 1993 zum ersten längeren Kontakt mit Wien und der Staatsoper. "Ich bin heute noch stolz darauf, dass ich der Erste war, der Vladimir zur Moderne 'verführt' hat", schmunzelt Renato Zanella. Im Jahr darauf entsteht die erste Balletteinlage für das Neujahrskonzert; seine erste Kreation für das Wiener Staatsopernballett, "La Chambre", hat Anfang Februar Premiere. Am Philharmonikerball stößt er im wahrsten Sinn des Wortes mit Direktor Ioan Holender zusammen. Ein Treffen wird vereinbart und kurz darauf gibt der Staatsopern-Direktor Zanellas Ernennung zum Ballettdirektor und Chefchoreographen ab der Saison 1995/96 bekannt.

Seitdem hat Renato Zanella verwirklicht, was er sich vorgenommen hat: aus Tänzern, die es gewohnt waren, nur mit Gästen zu tanzen, ein autonomes, selbstbewusstes, in sich ruhendes Ensemble zu schaffen, das seine Ersten Solisten aus den eigenen Reihen gewinnt. "Ein solches Ensemble kann natürlich auch mit Gästen tanzen, muss es aber nicht, um toll zu sein. Ich habe von Anfang an so viele kreative Kräfte in dieser Compagnie entdeckt und die ungeheure Lust, ganz etwas Neues einzustudieren." Die Erfolge und die Aufmerksamkeit des anspruchsvollen Wiener Publikums ließen nicht lange auf sich warten: Sei es der erste abendfüllende "Strawinsky-Abend", "Alles Walzer", "Die Bajadere" oder "Wolfgang Amadé" mit Vladimir Malakhov; sei es der Balanchine/Zanella-Abend in der Ausstattung von Christian Lacroix, der auch sein viel umjubeltes "Aschenbrödel" von Johann Strauß im Dezember 1999 ausstattete, oder sein "Nußknacker" im vergangenen November. (Die heurige Premiere "Verdi-Ballett: Ein Maskenball" gestaltete auf seinen Wunsch Vladimir Malakhov, der übrigens zum ersten Mal choreographierte.)

Dazu gesellen sich zahlreiche Gastspiele im In- und Ausland: "Wir sind wieder ein Faktum in der Ballettwelt geworden. Agenten und Tänzer fragen an, ob sie nach Wien kommen dürfen, und wir absolvieren zahlreiche wichtige Gastspiele in Europa. Immerhin haben wir auch ein Repertoire zu bieten, das sich von Gershwin bis zu Strauß' Aschenbrödel spannt". Der Direktor will seinen Tänzern auch weiterhin genügend Zeit für Auslandstourneen frei halten. "Ich wollte das Staatsopernballett nie als 'Anhängsel' der Wiener Oper, sondern immer als eigenständiges Ensemble, als eigenständige Botschafter für Österreich und seine Kultur verstanden wissen."

Dazu gehört auch die Nachwuchspflege, für die er ab dieser Saison ebenfalls verantwortlich zeichnet. Wie es mit der Ballettschule der Österreichischen Bundestheater weitergehen soll, weiß er ebenfalls schon: "Wir werden die Tanzausbildung von acht auf sieben Jahre verkürzen, um so das Maturajahr frei zu bekommen. Denn viele Kinder hören auf, weil sie mit dieser doppelten Prüfungsbelastung nicht fertig werden. Und wir wollen das Schul-Repertoire ändern: wie in vielen anderen Ländern auch, soll die staatliche Ballettschule vor allem dem eigenen Ensemble dienen. Wir werden deshalb nicht länger etwas üben, was wir nicht brauchen, sondern sie lernen aus aktuellen Produktionen wie dem Verdi-Ballett, der Bajadere, Schwanensee usw. Das bindet und verbindet: die Kleinen sehen die erwachsenen Tänzer und dürfen all das auch lernen. Wir sind eine große Familie" ....




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