"Alles Walzer"

2005.08.04

"Alles Walzer" am Theater Krefeld-Mönchengladbach
Von Peter Bilsing

Mit „Alles Walzer!“ wird traditionell beim großen Wiener Opernball das Tanzparkett fürs auserwählte „gemeine Volk“ der Edlen eröffnet, und Alles Walzer nennt auch Renato Zanella – 10 Jahre Ballettchef an der Wiener Staatsoper und seit dieser Saison (wie viele große Talente) im Unfrieden vom Weltstar-Haus an der Wien geschieden – seine Produktion. Zanella ist für mich ein Riesen-Talent, das sich nur ans falsche, weil künstlerisch unproduktive Haus verpflichtet hatte. Dennoch ist es schön wahrzunehmen, wie er kontinuierlich in die Stiefel seiner berühmten Lehrer getreten ist. Lehrjahre bei Ballettlegenden wie Heinz Spoerli, Marcia Haydée, John Neumeier, Maurice Bejart, Mats Ek und Hans von Manen prägen sein Werk und Schaffen. „Ich bin ein athletischer Choreograph mit viel Emotionalität. Ich brauche die Freiheit, die verschiedenen Tanzströmungen miteinander zu verweben und den spontanen Gefühlen beim Erarbeiten Platz zu lassen.“


Alles Walzer


Leider wurde seine bisherige Lebens-Leistung, dass es ihm nämlich gelungen war, aus Tänzern, die es gewohnt waren, nur Stargäste zu begleiten, ein autonomes und selbstbewusstes Ensemble zu schaffen, am eigenen Haus kaum gewürdigt. Das ist Wien, wo man traditionelles Ballett immer noch primär nach den artistischen Kriterien von Sprunghöhe, Pirouetten-Wiederholungszahl und Drehgeschwindigkeit misst. Besonders lobenswert und ehrenhaft, dass sich der sympathische Ballett-Chef neben der Nachwuchspflege auch noch der intensiven Arbeit mit Behinderten und deren Integration ins normales Tanztheater gewidmet hat.

Zanellas Choreographie (UA: Wien 1997) zieht das Publikum erstmal allein durch die geglückte Musikauswahl in seinen Bann; man walzert zu BEST OF Johann Strauß Sohn, als wären wir beim Wiener Neujahrskonzert. Doch Achtung! Die Walzerseligkeit wird schnell konterkariert. Zanella bricht die oberflächlichen Harmonien höchst einfühlsam und intelligent auf, mit witzigen Apercus und Einlagen zwischenmenschlicher Beziehungskisten. (Van Manen lässt grüßen!)
Da müssen die Tänzer schon mal schreien, rufen bzw. singen, und auch der Kontakt zum Publikum (Pina Bausch!) wird gesucht, ist aber nie anbiedernd, sondern stets von augenzwinkernd jovialem Humor inspiriert.


Alles Walzer

Die Bilder jagen sich geradezu, und immer wenn das Publikum droht, im Rausch der Musik zu versinken unterbricht Zanella und platziert Ruhepunkte in den Mahlstrom Strauß'scher Walzer, Pizzicati, Polkas und Quadrillensüffisanz. Das ist wunderbar choreographiert und von der Compagnie einfühlsam dargeboten; vom großen Ensemble, über den kraft- und schwungvollen „Pas de Cinque“ fünfer junger Buschen, die geradezu der Schwerkraft entzogen scheinen, bis hin zum einfühlsamen finalen „Pas de Deux“ zu Mahlers Adagietto, welches Manami Hannya und Aliaksandr Rulkevich in traumversunkender Schönheit und sensibler Akkuratesse tanzen.
Da auch Kostüme und Bühnengestaltung im Einvernehmen mit einer feinfühlig und empfindsamen Lichtregie (hier verdient der Begriff endlich mal seinen Namen) stimmig sind - verantwortlich: Jordi Roig - ist das Gesamtkunstwerk gelungen.

Zanella gelingt mit dieser Choreographie praktisch die künstlerische „Quadratur des Kreises“, denn in idealer und harmonischer Weise gelingt es ihm, klassisches Ballett und zeitgenössischen Tanz zu verbinden. Das Krefelder Publikum zeigt sich geradezu hingerissen und applaudiert zu recht und frenetisch. Begeistert Emotionen, wie ich sie von den sonst doch recht kühlen Niederrheinern noch selten in diesem Theater erlebt habe. Man ist sich der Größe und Qualität dieses Stückes bewußt; eine ehrliche und überzeugende Würdigung, die der Rezensent so mittragen kann....
FAZIT

Das Publikum feiert Tänzer und Choreographen mit einem Enthusiasmus, wie ich es wirklich selten erlebt habe, und ausnahmsweise ist der dröge Kritiker mal dabei. Bravo, Bravi, Bravissimo ! Was für ein toller Ballettabend.







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