"Diaghilew Abend"

2005.25.03

"Der Standard" vom 25.03.2005
von Helmut Ploebst
Herzblutiger Höhenflug

....Warum in der zweiten Hälfte des Abends das Fuchsspiel Renard in einer Neuchoreografie von Renato Zanella? Das Bühnenbild zu Renard allerdings stammt von Hermann Nitsch, dem in Kreisen der Wiener Bourgeoisie wohl bekanntesten österreichischen Künstler.
Die Spannung steigt. Renard ist eine gar nicht putzige Geschichte. Ein Fuchs strebt danach, einen Hahn zu verschmausen, doch dieser bringt den Fleischfresser schließlich gemeinsam mit einem Bock und einer Katze zur Strecke. Eine hintergründige Petitesse, die schon 1922 von Igor Strawinsky, dem wir Musik und Libretto verdanken, zum Verriss zeitgenössischer Gesellschaftlichkeit gedacht war. Und Zanella nutzt das Ballett tatsächlich für einen Höhenflug. Choreografiert sind nicht nur die Tänzer, sondern ebenso Nitschs Videobilder und - durch das Bewegen des blutroten Front- wie des schwarzen Hintergrundvorhangs - auch die Theaterbühne selbst."

Aus einem vierstündigen Film über sein Lebenswerk hat Nitsch eine schöne, an den Experimentalfilmer Kurt Kren erinnernde Montage geschnitten, die fabelhaft mit dem Tanz der vier Tiere korrespondiert. Der schwarze Hintergrund gibt den Film in einem schmalen, vertikalen Schlitz zu erkennen, dessen Breite rhythmisch variiert. Und immer wieder unterbricht der Bühnenvorhang die Sicht auf das Geschehen. Die Sensation ist perfekt! Zum ersten Mal sind auf einer österreichischen Ballettbühne Ideenansätze aus der konzeptuellen Choreografie der 1990er-Jahre zu sehen. Just in derselben Saison, in der Jérôme Bel, ein Meister des zeitgenössischen Tanz-Konzeptualismus, erstmals für eine Ballerina an der Pariser Oper choreografiert hat. Dieser Riesenschritt in Zanellas bisherigem Künstlerleben wird vom Premierenpublikum mit leidenschaftlichen Buhrufen belohnt.

In Petruschka hat Zanella mehr Herzblut geschüttet und einige Lokalkritik gepflanzt. Der Theaterdirektor, mit Christian Musil glänzend besetzt, erscheint als grindiger Groscherlzähler, und die Tänzer wedeln empört mit Bescheiden. Das Stück in einer Bühneninstallation von Christian Ludwig Attersee bleibt trotzdem wohldurchdacht und unterstreicht Renard mit seiner Thematisierung des Theaters im Theater.

In seinem letzten Atemzug an der Staatsoper ist es Zanella gelungen, das Ballett in die Gegenwart zu führen und sich dazu als geprügelter Petruschka zu inszenieren. Nicht schlecht für einen Neubeginn.


"Neue Kronen-Zeitung" vom 25.03.2005
von Karlheinz Roschitz
Schauvergnügen pur!

Ein großer Geschenkkorb voll von höchst reizvollen Überraschungen! Das wars, was Renato Zanella anlässlich seines Ausscheidens als Ballettchef Tänzern und Publikum mit seiner letzten Ballettpremiere bescherte: Sein "Diaghilew-Abend" der Staatsoper wurde zur effektvollen Revue historischer und neuer Choreografien.
Vier Werke, mit denen Sergej Diaghilew mit seinen Ballets Russes Tanzgeschichte schrieb. De Falls "Dreispitz" (1919) in L¿onide Massines Choreografie und "Le Spectre de la rose" (1911) nach Weber, in Michail Fokins luftiger Traum-Tanzfassung stehen zwei Novitäten gegenüber: Renato Zanella huldigt mit Strawinskys "Renard" und "Petruschka" Diaghilew.
Ein Abend voll von Schauvergnügen: So hat die Staatsoper wieder Picassos legendäre "Dreispitz"-Ausstattung; der "Geist der Rose" wird im Biedermeiersalon L¿on Baksts beschworen. Und für die eigenen Choreografien holte Zanella Wiener Stars: Hermann Nitsch gestaltete "Renard" mit einer hart geschnittenen Video-Bilderjagd aus Aktionen seines Orgien-Mysterien-Theaters (Kostüme: Anne Marie Legenstein). Dafür gabs übrigens Buhs!
Christian Ludwig Attersee wird bei "Petruschka" zum Märchenerzähler - wunderschön die bunten, frischen Kostüme von Christof Cremer. Er schlägt ein Buch auf, aus dem die Figuren heraustreten. Eine Dorfkirche auf dem Berg wirkt österreichisch inspiriert, weil Strawinsky Themen aus den Steirischen und Schönbrunner Tänzen Lanners zitiert. Die Wohnung des Mohren und die Gefängniszelle sind sinnliche leuchtende Attersee-Bilder, die die Fastnachtgroteske zur Allegorie der Kunst steigern . . .
Imponierend sind die Tanzleistungen, auch des Corps: Vladimir Malakhov als Geist der Rose, der durchs Fenster hereinsegelt, und Eva Petters sind ein Traumpaar. Boris Nebyla, Simona Noja und Lukas Gaudernak bringen spanisches Feuer und Witz in den "Dreispitz". Eno Peci tanzt einen berührenden "Künstler" Petruschka in Einsamkeit und Liebesleid; Shoko Nakamura (Ballerina), Gabor Oberegger (Mohr) und Christian Musil (Theaterdirektor) sind seine pointierten Widersacher....





< Zurück

English
Italiano
';