"Der Spielmann"

2006.03.02

von Horst Kögler
www.tanznetz.de

Meisterliches und Renato Zanellas „Der Spielmann“


....Und nach der Pause also die Uraufführung „Der Spielmann“ von Renato Zanella zu ausgewählten Adagio- und Andante-Sätzen aus Mozarts Klavierkonzerten – eine Huldigung an Hans Christian Andersen als Jubilar des Vorjahrs (Andersen 1805-1875), an den Jubilar dieses Jahres (Mozart 1756-1791). Bei aller Gegensätzlichkeit der Charaktere und Lebensläufe: die Stimmung stimmt –weil sich Zanella auf die leise Melancholie der Biografie beider Genies einlässt. Und weil er weder versucht, Mozart allzu notenpedantischen nachzubuchstabieren, noch Andersen als literarischen Flüchtling aus seinem frustrierten Erdendasein zu porträtieren.
Stattdessen hebt er ab zu einer Exkursion in die Fantasie, mit der dekorativen Entwicklungshilfe von Rosalie, die allerdings ihrer poetischen Fantasie der Farben und Formen derartig die Zügel schleifen lässt, dass man als Andersen-Normalkonsument wohl noch den Dichter (Matthias Deckert), auch die Prinzessin auf der Erbe (Renata Velloso), den standhaften Zinnsoldaten (Marcos Menha) und die kleine Meerjungfrau (Sabrina Velloso) erkennt, aber den Engel (Diego de Paula),
die drei Reisebegleiter, den Rosenelf sowie die roten Schuhe nur noch mit der Hilfe des
Besetzungszettels identifiziert. Aber vielleicht war es ja die Absicht des Autor-Choreografen, die Fantasie des Publikums zu aktivieren, sich nach eigenem Gutdünken im Kosmos der Andersenschen Märchen zu tummeln. Wozu ihm die Choreografie Zanellas reiche Möglichkeiten bietet.


28.2.2006

Von Gabriele Müller
Stuttgarter Zeitung

Schillerndes Fantasiegebilde und virtuoses Feuerwerk Ein neuer Ballettabend im Badischen Staatstheater Karlsruhe mit Renato Zanellas Choreografie "Der Spielmann"


....Zanella führt in seiner ersten Arbeit für das Ballett des Badischen Staatstheaters Märchen von Hans Christian Andersen und Musik von Wolfgang Amadeus Mozart zusammen. Rosalie, für die die Zusammenarbeit mit Zanella und dem Staatstheater ebenfalls eine Premiere ist, hat die Tanzenden mit fantasievollen Kostümen und die Bühne mit ebensolchen Requisiten ausgestattet und großen Anteil an Wirkung und Aussagekraft vom "Spielmann". Verblüffend ist, wie selbstverständlich die langsamen Sätze aus Mozart-Klavierkonzerten mit ihren poppig-schrillen Leuchtkissen, Plastikblumen und überdimensionalen Pfeifenreinigern zusammengehen. Alles zusammen atmet eine unwirkliche, naive Fröhlichkeit und oszilliert zwischen unverdorbener, kindlicher Freude und abgeklärter, von Resignation gezeichneter Melancholie.
Die Märchen von der Prinzessin auf der Erbse, dem standhaften Zinnsoldat, der kleinen Meerjungfrau oder den roten Schuhen werden nicht als solche dargestellt. Ensembles um die Hauptfigur thematisieren vielmehr eine Art Leitmotiv, das der Choreograf der jeweiligen Geschichte abgespürt hat: kindliche Koketterie, bedingungslose Hingabe, vergebliche Annäherungsversuche, Kampf gegen ein auferlegtes Schicksal. Andersen (Matthias Deckert) schiebt und zieht zwischen den verschiedenen Bildern die entsprechenden Requisiten über die Bühne und tritt dabei hin und wieder mit den Figuren in direkten Kontakt. Begleitet wird er von einem Engel, den Diego de Paula mit umwerfendem Charme und fulminanter Technik darstellt. Hinreißend sind seine bis in die Fingernägel hingebungsvoll ausgekosteten Posen und Sprünge. Sehr ansprechend tanzten ebenfalls die anderen Ensemblemitglieder: durchweg intensiv und unangestrengt.
Für den "Spielmann" verwendet Zanella viel klassisch geprägtes Schrittmaterial. Harmonisch fügen sich dazu modernere Elemente, insbesondere bei den Hebungen in den Pas de deux. Es ist eine feine, unaufdringliche Bewegungssprache mit spielerisch-frechen Akzenten. Zusammen mit Musik, Kostümen und Requisiten wird der "Spielmann" so zu einem zauberhaft-leichten, traumhaft-unspektakulären Fantasiegebilde....





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